Wie schon angekündigt, wollte ich die Umsetzung des Total Pain Konzepts heute an einem Patientenbeispiel erklären. Dazu erst mal ein Bild:

Kunsttherapie
Auf einer Palliativstation arbeiten in der Regel verschiedene Berufsgruppen zusammen. Neben Ärzten und  Pflegekräften auch Sozialarbeiter, Psychoonkologen, Seelsorger und Physiotherapeuten. Zusätzlich oft auch Kunst-, Atem- und Musiktherapeuten.

Dieses Bild hat eine Patientin in der Begleitung unserer Kunsttherapeutin gemalt. Die übrigens von Spendengeldern aus unserem Förderverein finanziert wird. Der Wink mit dem Zaunpfahl ist hier ganz beabsichtigt!!! 🙂 Genauso wie unsere Hundetherapie, die auch in einem meiner nächsten Beiträge beschrieben werden wird.

Die Bilder aus der Kunsttherapie werden bei uns immer an die Wände der Zimmer gehängt. Bei der Visite habe ich mich mit der Patientin über das Bild unterhalten. Ich habe Sie gefragt, warum Sie denn nur ein Bild für eine ihrer Töchter gemalt hat, obwohl sie im Genogramm doch drei Kinder angegeben hat?

Was um Gottes Willen ist denn ein Genogramm, werden Sie sich jetzt wahrscheinlich fragen???  Hier ein Bild und Erklärungsversuch:

Genogramm,png

Ein Genogramm ist letztendlich nichts anderes als ein Stammbaum. Wir erfassen hierbei die Familiensituation. Es unterscheidet sich aber in dem Punkt von einem Stammbaum, dass zusätzlich die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander erfasst werden. Diese Informationen benötigen wir, um die Weiterversorgung der Patienten zu klären und auch, um eventuell bestehende Konflikte in der Familie zu thematisieren. Ich schicke gerne die Studenten mit dem Genogramm zu den Patienten. Es ist eine wunderbare Kommunikationsübung. Die Studenten fürchten sich oft wie die Hölle davor. Das ist nämlich eine Form der Gesprächsführung, die sie so bisher nicht gewohnt waren. Eine Anamnese erheben, also die Krankengeschichte erfragen, das haben Sie ausreichend gelernt im Studium, da befinden sie sich in ihrer (unser aller) Komfortzone. Aber nach Gefühlen und Familienstrukturen zu fragen, ist um ein vielfaches schwieriger! Es sind hier aber auch schon ganz tolle Situationen entstanden mit viel Benefit für beide Seiten.

Aber zurück zu der Patientin. Vielleicht zuerst noch ein paar Zusatzinformationen zu Ihr. Sie ist uns zugewiesen worden aus der Frauenklinik mit einem weit fortgeschrittenen Brustkrebs. Sie hatte Absiedlungen in der Lunge, Leber, Knochen und im Gehirn und sollte bei uns eine Anpassung ihrer Schmerzmedikation erhalten. Sie benötigte sehr hohe Dosen an Schmerzmedikamenten und war trotzdem nur leidlich gut versorgt damit. Es war sehr schnell klar, dass Sie unsere Station wahrscheinlich nicht mehr verlassen würde.

Als ich Sie auf das Bild angesprochen hatte, erzählte Sie, dass ihre älteste Tochter seit zwei Jahren den Kontakt zur Familie abgebrochen hat. Ihr Freund wurde, hauptsächlich vom Vater, nicht akzeptiert. Die Patientin befand sich jetzt in einem erheblichen Konflikt. Einerseits war ihr klar, dass ihre Erkrankung sehr weit fortgeschritten war und ihr wenig Lebenszeit verbleiben würde. Andererseits wollte sie ihren Mann nicht hintergehen und hatte irgendwann auch nicht mehr ausreichend Kraft um die Situation noch zu verändern. Sie erlebte die Trennung von ihrer Tochter als erheblichen Verlust und war darüber sehr verzweifelt. In dem gemalten Bild wollte sie ihrer Tochter all das hinterlassen, was Sie ihr persönlich nicht mehr mitteilen konnte, also ein Füllhorn an Wünschen.

Bei einem Besuch der Tochter habe ich diese abgefangen und zu einem Gespräch gebeten. Natürlich, wie erwartet, hatten die Geschwister weiter Kontakt untereinander. Die mittlere Tochter hat dann auch die älteste Tochter informiert und diese kam am gleichen Tag mit Freund zu Besuch. Die Folge war ein langes gemeinsames erst schwieriges, dann aber sehr konstruktives Familiengespräch, dass dazu geführt hat, dass alle Angehörigen die Mutter begleitet haben. 5 Personen mit in einem Patientenzimmer zu versorgen, war für alle Beteiligten eine Herausforderung. Es war zwischendurch mehr wie in einem Zeltlager als wie in einem Krankenhaus. Aber es hat sich sehr gelohnt! Bereits am nächsten Tag konnten wir die Schmerzmedikation reduzieren und bis zum Versterben der Patientin bei uns benötigte sie nur eine sehr geringe Dosierung ihrer Schmerzmedikation.

Was, glaube ich klar wird ist, dass Schmerz und Leid viele Ursachen haben kann und nicht immer ist die Lösung die Erhöhung von Schmerzmitteln. Ein gutes Beispiel für sozialen und psychischen Schmerz der manchmal eben den körperlichen Schmerz übertreffen kann.

Master of Desaster

 

Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten Menschen nicht groß, sondern klein.
Christian Morgenstern